Licht, Objekt, Vitrine — Die richtige Balance finden ist eine Kunst für sich
18. Juni 2026
mit Katrin Söncksen, lichttransfer Projekt: Das Stabi-Kulturwerk in der Staatsbibliothek zu Berlin, Unter den Linden
Die Dauerausstellung im Stabi-Kulturwerk der Staatsbibliothek zu Berlin
Die Dauerausstellung im Stabi-Kulturwerk umfasst rund 700 qm Ausstellungsfläche und erzählt anhand hochsensibler Originalobjekte, Manuskripte und Archivmaterialien die inzwischen mehr als 360-jährige Geschichte der Staatsbibliothek zu Berlin.
Die Ausstellung beleuchtet die Entwicklung der Bibliothek seit ihrer Gründung im Jahr 1661 und zeigt zugleich ihre enge Verbindung zu politischen und gesellschaftlichen Veränderungen — von Preußen über den Zweiten Weltkrieg bis hin zu Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands.
Seltene Exponate aus den Sammlungen der Staatsbibliothek machen dabei Geschichte auf besondere Weise sichtbar und erlebbar.
ZUM PROJEKT
Sehner im Gespräch mit Katrin Söncksen, lichttransfer Berlin. Gemeinsam gehen wir der Frage nach, wie sich Licht präzise in Vitrinen integrieren lässt — und teilen zentrale Erkenntnisse und Erfahrungen aus der Praxis.
Seit 2006 steht lichttransfer Berlin für anspruchsvolle Lichtplanung im Museums- und Ausstellungskontext. Für Katrin Söncksen ist Licht kein Zusatz, sondern ein integraler Bestandteil der Gestaltung.
Ihr Ansatz ist geprägt von einem feinen Gespür für Wirkung: Oft liegt die optimale Lösung in einem sehr schmalen Bereich, der nur durch sorgfältiges Testen, auch von Varianten, und enge Abstimmung erreicht werden kann. Kleinste Veränderungen können die Wahrnehmung eines Raumes entscheidend beeinflussen.
Die Abstimmung, das gemeinsame Ausprobieren und auch ungewöhnliche Ideen gehören für mich zur spannendsten Seite der Lichtplanung. Jede Ausstellung bringt neue Herausforderungen mit sich — neue Objekte, neue Räume, neue Fragestellungen. Am Ende geht es immer darum, ein stimmiges Gesamtbild zu schaffen. Katrin Söncksen, lichttransfer
Ihr Weg führte über die Lichtberatung und ein Architekturstudium in die Museumsplanung — mit einem klaren Fokus darauf, das sichtbar zu machen, was häufig übersehen wird.
In der Praxis bedeutet das: Licht wird nicht nachgelagert gedacht, sondern von Beginn an als Teil des Gesamtsystems entwickelt — im Dialog mit Objekt, Raum und allen Projektbeteiligten.
Jede Ausstellung ist dabei eine neue Aufgabe. Ziel ist es, Kulturgut so sichtbar zu machen, dass Wahrnehmung und Schutz in einem bestimmten Verhältnis bleiben.
Frage:
Was war aus Ihrer Sicht die größte Herausforderung bei der Lichtplanung für das Stabi-Kulturwerk in der Staatsbibliothek zu Berlin?
Katrin Söncksen:
Die Herausforderungen lagen sowohl im atmosphärischen als auch im technischen Bereich.
Wir haben in sehr dunklen Räumen gearbeitet, mit überwiegend fast schwarzen Oberflächen. In solchen Umgebungen wirken selbst geringe Lichtstärken auf hellen Flächen schnell zu hell. Gleichzeitig mussten die Exponate die hellsten Flächen im Raum bleiben, um die Aufmerksamkeit der Besucher gezielt zu lenken.
Technisch war die Situation anspruchsvoll, da die Vitrinen in Größe und Position bereits definiert waren. Das hat die Lichtpositionierung stark eingeschränkt und eine sehr präzise Planung erfordert.
Frage:
Was macht insbesondere Papier im Umgang mit Licht so sensibel?
Katrin Söncksen:
Papier ist extrem lichtempfindlich. Es gibt klare Vorgaben, häufig mit einer Beleuchtungsstärkebegrenzung von max. 50 Lux, um ein Vergilben oder Ausbleichen zu vermeiden.
Dabei ist aber nicht nur der Luxwert entscheidend, sondern auch die Wahrnehmung. Oberflächen, Umgebungsfarben und Kontraste beeinflussen, wie hell ein Objekt erscheint.
Mit moderner LED-Technologie können wir heute deutlich unter diesen Grenzwerten arbeiten — im Stabi-Kulturwerk oft bei 30–35 Lux — und dennoch eine gute Lesbarkeit und Detailwahrnehmung erzielen. Das ist ein großer Fortschritt gegenüber früheren Systemen.
Frage:
Wie gelingt der Spagat zwischen konservatorischen Anforderungen und visueller Wirkung — und wann wird Licht „zu viel“?
Katrin Söncksen:
Die konservatorischen Anforderungen haben immer Priorität.
Es geht nicht um maximale Helligkeit, sondern um gezielte Wahrnehmung. Licht wird dann zu viel, wenn es überblendet, Reflexionen erzeugt oder Materialität zerstört.
Oft liegt die Lösung im Kontrast, nicht in der Intensität. Das Exponat muss sich klar abheben, während der Raum zurücktritt.
Manchmal entscheiden kleinste Anpassungen — ein anderer Winkel oder eine minimale Dimmung — über das gesamte Ergebnis. Es gibt einen sehr schmalen Bereich, in dem alles optimal funktioniert. Katrin Söncksen, lichttransfer
Mittendrin als Fachplaner
Frage:
Ab wann wird die Abstimmung mit der Vitrine entscheidend für das Ergebnis?
Katrin Söncksen:
In der Praxis passiert das jedoch sehr oft zu spät — in etwa 90 % der Projekte. Zu diesem Zeitpunkt sind viele Parameter bereits festgelegt: Vitrinenhöhen, Tiefen, Zugänglichkeiten.
Diese Faktoren beeinflussen die Lichtplanung direkt. Das Verhältnis von Höhe und Tiefe ist entscheidend für die Lichtführung.
Eine Vitrine sollte daher immer mehrere Möglichkeiten zur Lichtinszenierung bieten — unterschiedliche Winkel, Abstände und Positionen. Diese Flexibilität ist zentral.
Frage:
Wie lief die Einrichtung der Beleuchtung vor Ort ab?
Katrin Söncksen:
Sehr detailliert und aufwendig.
Wir hatten rund 400 Mini-Spots, die jeweils individuell eingeleuchtet wurden. Jeder Strahler wurde individuell ausgerichtet und gedimmt. Bei größeren Papierarbeiten kamen oft vier bis sechs Lichtpunkte mit unterschiedlichen Optiken aus unterschiedlichen Richtungen zum Einsatz.
Darüber hinaus gab es in Tisch- und Schubladenvitrinen noch ca. 70 Lichtrohre, die ausgerichtet und in der Helligkeit eingestellt werden mussten.
Der Prozess dauerte mehrere Wochen. Es ging um ständiges Abstimmen — messen, visuell bewerten, nachjustieren.
Im Idealfall ist jeder Strahler einzeln steuerbar und flackerfrei dimmbar. Diese Präzision ist entscheidend.
Licht ist Wahrnehmung und Lenkung, nicht nur Ausleuchtung. Katrin Söncksen, lichttransfer
Frage:
Welche Rolle spielt die Technik dabei?
Katrin Söncksen:
Die richtige Technik ist die Grundlage.
Flackerfreies Dimmen, präzise Steuerung und stabile Lichtverhältnisse sind essenziell. Gleichzeitig muss sich die Technik in das Gesamtsystem integrieren — auch in Sicherheitsanforderungen wie verdeckte Öffnungsmechanismen oder Alarmsysteme.
Diese Rahmenbedingungen beeinflussen unmittelbar die Möglichkeiten der Lichtpositionierung.
Frage:
Was passiert nach der Installation — insbesondere bei wechselnden Exponaten?
Katrin Söncksen:
Die Arbeit endet nicht mit der Fertigstellung der Ausstellung.
In der Staatsbibliothek beispielsweise rotieren einige Exponate. Das bedeutet, dass Vitrinen regelmäßig neu eingeleuchtet werden müssen. Die Restauratorinnen wurden dafür geschult.
Das Einrichten ist zeitaufwendig, schafft aber auch ein besseres Verständnis für Licht. Oft entwickeln einzelne Personen ein besonderes Gespür dafür — das ist sehr wertvoll.
Frühe Abstimmung von Licht, Vitrine und Konzept ist entscheidend.
Wir bedanken uns herzlich bei Katrin Söncksen und lichttransfer Berlin für den offenen Austausch und die spannenden Einblicke in die Praxis der Lichtplanung im Museums- und Ausstellungskontext.